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Blick aus dem dunklen Inneren des leeren Hangars durch das aufgehende Tor hinaus auf die tiefstehende Abendsonne über der Wüste; gelber Sand strömt über den Boden herein — die Schwelle, bevor es auf den Planeten geht
KAPITEL 00101₂

A Team

Am nächsten Tag saß T seine Pflichtstunden in der Schule ab. Er war noch lustloser als sonst dem Stoff und Le(e/h)rkörper gegenüber. Mit den meisten seiner Mitschüler konnte er nicht über seine Hobbys reden. Zocken war mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen, aber die Mehrheit betrieb das Hobby ungefähr so ernsthaft wie den regelmäßigen Fitnessstudio-Besuch — also eher sporadisch und ohne konkretes Ziel vor Augen. Außerdem waren die meisten Jungs in seiner Klasse mit „Cool sein“ und „Mädels klarmachen“ beschäftigt oder gaben sich nach außen hin immerhin so. Mit solchen Leuten über die spezielle Relativitätstheorie, Zerg-Rush-Taktiken oder Star Trek philosophieren? Ausgeschlossen!

Interessenmäßig kompatibel war er nur mit einer Handvoll seiner Mitschüler. Und ungünstigerweise waren diese auch noch verstreut über die Parallelklassen. M war einer von ihnen und Ts bester Freund aus der Grundschulzeit. Er war ein gemütlicher Typ, mit dem man über eben jene Themen und vor allem über Spiele reden konnte. Um genau zu sein, hatte M ihm damals die Welt der Online-Games erst nahegebracht: StarCraft, Counter-Strike, Battlefield, Warcraft 3, you name it. Und zwar nicht im half-assed Daddel-Modus, sondern hoch kompetitiv in Clans organisiert, in Ligen angemeldet, mit striktem Trainingsplan und wöchentlichen Turnierspielen — und das alles im zarten Alter von elf Jahren! Teamspiele blieben für T dabei immer Pflichtprogramm; die Kür waren die Strategiespiele, in denen ein Einzelner gegen einen oder mehrere Gegner antrat. „Ein Einzelkämpfer im Clan“, für T war das nie ein Widerspruch, denn er liebte es, gemeinsam mit anderen eine Organisation zu führen, aber bei Wettkämpfen verließ er sich am liebsten auf sich selbst. In dieser Zeit fing T auch an, sich mit dem Thema Softwareentwicklung auseinanderzusetzen. Denn was braucht so ein Clan? Natürlich eine Webseite mit Forum. Und was braucht man für ein Turnier? Eine Software, um die Ergebnisse von Gruppenphasen und Finalen zu tracken.

Neben M waren da noch R, B und J. R und B waren erst in der Mittelstufe in den Freundeskreis dazugestoßen. R, ein stämmiger Typ — ganz im Gegensatz zu T, der eher schmächtig wirkte —, hatte sich recht schnell als Wortführer der Gruppe positioniert. Zocken konnte er auch — vor allem Strategiespiele lagen ihm —, aber seine Konversations-Skills waren definitiv seine Superpower. B war gutmütig, vielleicht ein wenig prollig drauf, aber auf die un-ätzende Art. Er war ein Gott in Counter-Strike und Co. Ihn wollte man im Team haben, wenn es mal wieder A lang ging.

J war ein Sonderfall: Sie war das einzige Mädchen in der Clique. Sie hatte kastanienbraune Haare — hübsch, fand T —, war auch ein wenig nerdig unterwegs, zu nerdig für die meisten anderen Mädchen, aber gerade richtig, um in dieser Runde auf Kumpeltyp-artige Weise gut reinzupassen. Ihre Spezialität? StarCraft und Counter-Strike — sie war in Strategie- und Taktik-Genres zuhause und nicht zu unterschätzen. Mehr als einmal zog sie die Jungs auf den gemeinsamen LAN-Partys ab.

Endlich klingelte es zur großen Pause. T musste unbedingt den anderen von seiner Erfahrung in Equilibrium und der Goldenen Phalanx erzählen. Sie trafen sich immer in der Ecke hinter dem Basketballplatz, einem schattigen Ort, an dem man weder gut gesehen noch womöglich zum Kicken aufgefordert werden konnte. Als T eintraf, waren M und J schon da und am Diskutieren. J trug wieder ihr „Zockerweibchen“-Top. Ein gerade so noch schultauglich ausgeschnittenes Stück Stoff mit einem Glitzerbild von einer seitlich springenden Lara Croft auf der Vorderseite. Lara hatte ihre Dual H&K USPs gezückt, die rauchenden Mündungen jeweils auf Höhe einer Brust. „Wow, das ist echt Ho…“, dachte T und gab sich gedanklich direkt eine Ohrfeige. „Alta, was stimmt nicht mit dir? Sie gehört zum Freundeskreis!”

„Zwölf Runden, dreißig Kopftreffer, und die Hälfte davon durch Türen und Mauern“, sagte J gerade. „Prox konnte durch Wände sehen, M, der hatte nen Wallhack an! Nicht einer seiner Schüsse ging daneben!“

„Der Typ saß zwei Plätze neben mir“, sagte M ruhig. „Auf einer LAN cheatet keiner. Da guckt dir beim Vorbeigehen jeder auf den Bildschirm, und ich hab nichts gesehen.“

„Vielleicht kein WH, aber ein subtiler Aimbot. Gut eingestellt sieht das aus wie Talent. Den erkennst auch du nicht.“ J verschränkte die Arme.

Seit gestern Nacht hätte T zu diesem Thema einen Vortrag halten können: Wie sich etwas bewegt, das keine Zwischenschritte braucht. Woran man intelligente autonome Komponenten wirklich erkennt. Und zwar daran, was der Gegner mit Unsinn anfängt. Die Steilvorlage lag direkt vor seinen Füßen. T ließ sie liegen. „Leute“, sagte er stattdessen. „Ich muss euch was erzählen.“

Er begann mit seiner Geburtstags-Zocker-Runde: Zufallsspawn mitten in einer Flottenschlacht, Torpedos ab Sekunde eins, die Traktor-Falle. Ju-Re, der ihm bei jeder Antwort außerhalb seiner Rolle eine Breitseite vors Cockpit setzte, und die Räuberpistole von Flugschule, Kryostase und explodierender Sonne, die T mit drei offenen Wiki-Tabs gefreestylt hatte. Als er gerade bei der Raumstation war, schlenderten R und B heran, B kauend, mit einem halben Pausenbrot in der Hand, und T spulte für sie zurück. Dann das Ritual: fünf Bewerber, ein Platz, drei Prüfungen. Commander Takahashi. Das Deathmatch. Das Scrubber-Feld.

Den Kill am Turk erzählte er in Echtzeit. Die Schildbarriere quer in den Gang, Flammenwerfer, die getarnte Haftmine auf Kopfhöhe.

„Haftmine auf Kopfhöhe“, wiederholte B andächtig und hörte auf zu kauen. „Respekt für den Move!“

„Klingt wie unsere Liga-Zeiten“, sagte M. „Nur mit mehr Orga und ordentlich Budget.“

„Fünf Bewerber, ein Platz“, sagte R. „Harte Quote. Und die pumpen Rekrutierungsvideos in sechs Sprachen raus, um dann einen zu nehmen? Da stimmt doch das Geschäftsmodell nicht. Für eine Spielergilde?!“ T zuckte mit den Schultern; die Frage kam ihm bekannt vor, und er scrollte sie zum zweiten Mal weiter.

Er erzählte von Widow, vom Skalpell zwischen den Panzerplatten, von Platz zwei — siebenundachtzig Punkte, sieben hinter der Spitze, alles aufholbar — und von der zweiten Prüfung: in vierundzwanzig Stunden, unten auf dem Planeten, eine Mine, die seit drei Tagen keine Nachrichten mehr sendete. Als Team. Er erzählte nicht von dem Riesen mit dem goldenen Visier. Nicht von der Blutlache, die das Feld nicht entfernte. Nicht von dem Kill, den das Spiel nicht zählte.

Die Geschichte machte Eindruck. B wollte wissen, ob man da noch reinkam. M sinnierte bereits, was für ein Squad sie zu fünft abgeben würden. Und T war für die Dauer einer großen Pause der Typ mit dem besten Story of the Day der Schule, und es fühlte sich exakt so gut an, wie er es sich vorgestellt hatte.

Nur J hatte seit dem Skalpell nichts mehr gesagt. Sie sah ihn an, eine Sekunde zu lang. „Warte“, sagte sie dann. „Ihr wart fünf.“ Pro Name klappte sie einen Finger aus. „HellFire, der Turk, die Widow, du. Das sind vier. Wer war der Fünfte?“

Die Klingel ersparte ihm die Antwort.

Der Pausenhof setzte sich in Bewegung, B klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter, M und R trotteten Richtung Eingang und stritten bereits über die optimale Squad-Aufstellung. J blieb noch einen Moment stehen.

„Bis später“, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Jedenfalls glaubte er das.

„Ein Wink mit dem ganzen Zaun“, sagte der Mann mit dem roten Schlips.

„Ich war fünfzehn“, antwortete T. „In dem Alter denkt man bei jeder, die zwei Sekunden zu lange in die eigene Richtung schaut, dass sie etwas von einem will. Und außerdem ist das mindestens zwanzig Jahre her.“

„Mindestens…“, antwortete der Mann. In diesem Moment flackerte das Licht im Verhör-Konstrukt. Oder vielmehr sprang die gesamte Helligkeit von hell zu absolut dunkel zu hell. Der Mann stand plötzlich an einer völlig anderen Stelle im Raum, nur Körperhaltung und Mimik waren noch identisch mit gerade eben.

„Weiter…“, sagte der Mann.

Die nächsten Stunden krochen so vor sich hin, Doppelstunde Mathe, Französisch, Sport, Feierabend! Naja, so halb. Ab nach Hause und dann noch Hausaufgaben für den nächsten Tag schnell fertig schludern, damit er später nicht noch von den Eltern genervt würde.

Und nun endlich: Powertaste drücken, Headset auf und rein ins Game. Kurz nachdem er sich eingeloggt hatte, ploppte eine Nachricht von WhiteWidow auf: „Na, bereit für die nächste Runde? Ich hoffe, du hast deinen Heavy-Metal-Führerschein gemacht! … ;)“

Na klar war T bereit, oder? Mechs steuern und Panzer fahren konnte er schon seit Battlefield und MechWarrior, aber um nicht von irgendwas überrascht zu werden, zog er sich trotzdem noch ein paar Videos über die Feinheiten der Steuerungsmechanik rein. WASD+Strg+Space für die Jumpjets, Waffengruppen auf 1 bis 4, Q+E und der Torso ist separat drehbar. „MW3 mit Shooter-Control-Setup“, sagte T anerkennend — da hatte jemand mitgedacht. Bei den Kettenfahrzeugen sah es nicht viel anders aus.

„Weißt du schon, wo wir uns nachher treffen?“, fragte er Widow. „Du meinst, mit welchem Raumdock wir ein Rendezvous durchführen?”, antwortete Widow sofort. Ach stimmt, „in Character bleiben“, fast vergessen. „Äh, ja, genau.“

„Nein, aber ich denke, wir werden es rechtzeitig erfahren“, schrieb sie ihm zurück.

T erkundete noch ein wenig die Spielwelt, aber hielt sich weiter in der Nähe von Plyot auf. Die Koordinaten kamen rechtzeitig, wie von Widow vorhergesagt, als Rundmail von Takahashi. Diesmal war das Ziel keine Raumstation, sondern eine Klon-Sprungadresse direkt auf einer Basisstation in der Nähe der zuvor erwähnten Erzmine. Der Sprung war bereits bezahlt. Einziger Wermutstropfen: T konnte Y18R keine Ausrüstung mitnehmen lassen, denn bei einem Klon-Sprung wurde nur der Charakter selbst (samt Kleidung) transportiert.

T traf als Letzter ein. „Ach, der Urlauber beehrt uns“, begrüßte HellFire93 ihn hämisch. Okay, das scheint ein echter Stromberg-Fan zu sein. T ignorierte ihn und die anderen Mitspieler schauten sichtlich irritiert, soweit ihre Gesichtsmodelle dies zuließen. Takahashi reagierte sofort und sah HellFire93 scharf an. Sagen musste sie nichts, die Nachricht war klar. Danach schritt sie die Reihe der Bewerber mit auf dem Rücken verschränkten Armen ab und führte aus:

„Seit ein paar Stunden haben wir Klarheit über die Zustände bei der Mine. Eine unserer Sonden hat versucht, sie zu erreichen, und wurde von unseren eigenen Abwehreinrichtungen bereits zwanzig Klicks vor der Mine abgefangen.“ Sie drehte sich zu den Bewerbern um. „Das bedeutet, jemand oder etwas hat die Kontrolle über die Mine und unsere Verteidigungseinrichtungen übernommen. Das Merkwürdige daran: Wir hatten über die gesamte Zeit die volle Kontrolle über diesen Sektor. Kein Schiff hätte unbemerkt in der Nähe der Mine landen können.“ Sie lief wieder die Reihe ab. „Das bedeutet, der Eindringling stammt vom Planeten selbst. Vielleicht kam er durch die Minenschächte. Wer weiß. Eure Aufgabe besteht darin, die Mine zu sichern, oder, falls das fehlschlägt, zumindest die Aufzeichnungen der Sicherheitseinrichtungen zu kopieren und wieder zurückzubringen.“ Sie machte eine Pause. „Mindestens einer von euch muss überleben, damit die Mission als Erfolg gewertet wird.“

Diese Ausführungen weckten das Interesse der Anwesenden. Ihre Prüfung entwickelte sich zu einem echten Einsatz, gemeinsam, für die Goldene Phalanx.

Der Hangar der Basisstation beantwortete die Ausrüstungsfrage von selbst: In Reih und Glied standen dort Kampfgleiter, Panzer und zwei Reihen schwerer Mechs, dazu Regale voller Handfeuerwaffen. Die Phalanx stellte das Gerät. Man musste nur wählen.

„Erst der Plan, dann das Spielzeug“, sagte Widow und projizierte eine Geländekarte zwischen sie. „Die Mine sitzt hinter zwanzig Klicks Sperrgürtel, und jede Stellung darin schießt inzwischen auf uns. Wenn wir frontal reinlaufen, werden wir aufgerieben.“

„Distanz ist meins“, sagte HellFire93 und tippte auf die äußeren Stellungen. „Gebt mir was mit Reichweite, dann knacke ich euch die Ringe auf, einen nach dem anderen.“

„Dann fahre ich den Vorstoß“, sagte T. „Frontal genug, dass alles auf mich hält, was noch steht.“

„Und ich fliege tief und schnell.“ Widow zog eine flache Kurve über die Karte bis zu einem pulsierenden Symbol. „EMP-Raketen auf den Flak-Generator, dann ist die Luft kurz frei. Und zu guter Letzt liefere ich den Turk direkt am Haupttor ab. Er macht den Melee-Tank, bis wir eingetroffen sind.“

Der Turk nickte ein einziges, präzises Mal.

Der Plan stand schneller, als T erwartet hätte.

T brauchte keine dreißig Sekunden bei der Waffenwahl. In der zweiten Reihe stand ein Mech, der aussah, als hätte jemand einen MadCat aus MechWarrior nachgebaut und als Eigenentwicklung angemeldet: vogelartig nach hinten geknickte Beine, zwei kantige Raketenwerfer-Kästen wie Epauletten auf den Schultern, Waffenarme statt Hände. Als sich das Cockpit schloss und die Statusanzeigen der Reihe nach auf Grün gingen, verstand T Widows Nachricht endgültig. Hierfür brauchte er den Heavy-Metal-Führerschein. Und er hatte ihn.

HellFire93 nahm das bodenständigste Gerät im Hangar: einen Kampfpanzer, wie er in jedem Battlefield hätte stehen können, abgesehen von der Railgun, die anstelle der Kanone auf dem Turm lag.

Widow entschied sich für einen schlanken VTOL-Kampfgleiter, zwei Sitze, die Waffenaufhängungen flach an den Rumpf gefaltet. Der Turk faltete sich in den zweiten Sitz wie ein Taschenmesser in ein Brillenetui und salutierte in Ts Richtung, ohne dass die Geste dabei an Präzision verlor.

Die Tore des Hangars öffneten sich und der gelbe Wüstensand strömte physikalisch korrekt in den Hangar, begleitet von der Abendsonne. „Die haben echt alles aus der Engine rausgeholt“, bewunderte T die Arbeit der Entwickler.

Für einen Wimpernschlag stand der Sand still — alle Körner gleichzeitig, wie ein angehaltenes Video. Dann rieselte er weiter, als wäre nichts gewesen.

Er drückte W.