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Ein verlassener Wartungsgang der Raumstation, am Ende eine gangfüllende, fahlgrün leuchtende Wand aus Licht — das Scrubber-Feld, das den Kampfbereich bei jeder Kontraktion sauber leckt; davor Schutt und tief hängender Nebel
KAPITEL 00100₂

Early Access

Als Ts Schiff die Raumstation der Goldenen Phalanx erreichte, waren die Raumjäger der anderen Anwärter bereits in der Landebucht der rostig-grau glänzenden Station verankert. Die Station trug die nichtssagende Kennung Cargo-RE #0023 und war im Orbit des Wüstenplaneten Plyot errichtet worden. Sie diente in erster Linie als Zwischenlager für die Verladung von Erzen aus den größtenteils autonom arbeitenden Minen auf der Oberfläche des Planeten. Sowohl Station als auch Planet reflektierten das fahl-blaue Licht ihres A-Klasse-Sterns namens Caerulus. Alles in allem kein besonders einladender Ort und keiner, der mit vielen Unterhaltungsmöglichkeiten aufwarten konnte. Aber wie es aussah, sollten heute Abend ohnehin sie, die Anwärter, für die Unterhaltung sorgen.

Die Avatare der anderen Anwärter waren bereits ausgestiegen und hatten sich vor der Hauptschleuse der Landebucht zusammengefunden. Da stand NotYourVader, ein vor Muskeln und onyx-schwarz glänzenden Augmentationen nur so strotzender Zweieinhalb-Meter-Riese mit blickdichtem, gold schimmerndem Visier und versteinerter Miene. Der Typ würde insbesondere im Nahkampf mächtig austeilen können, dachte T.

WhiteWidow war definitiv mit viel Bedacht durchgestylt worden: Mit weißem Umhang, goldenen Applikationen für Broschen, Knöpfe, Ösen und Arm- sowie Beinschienen, schwarzem Gesicht, stechend blauen Augen, wohlproportionierten Kurven und weißen Haaren lehnte sie lässig an der Schleusentür und zwinkerte ihm zu. Grünlich schimmernde Tribal-Wetware-Tattoos rundeten den lässig erhabenen Eindruck ab. T musste sich nochmals an Regel 16 erinnern — oder war es doch Regel 29?! Anyway: „there are no girls on the internet — no exception!“

Außerdem wartete da noch HellFire93, ein alles in allem doch eher durchschnittlich anmutender Charakter, der so aussah, als hätte jemand im Avatar-Editor ein paar Mal hintereinander die Zufallstaste gedrückt. T beachtete ihn nicht weiter.

Zu guter Letzt saß da noch etwas im Schneidersitz vor der Schleuse, das man eher für einen Androiden als für ein Lebewesen halten würde. m3ch4n1c4!_7urk bestand größtenteils aus in Edelstahl-Optik gehaltenen Fuß-, Hand-, Arm- und Beinprothesen. Selbst der Torso konnte maximal zur Hälfte aus Fleisch und Blut bestehen. Alle Extremitäten besaßen weitere mechanische Augmentationen — größtenteils Nahkampfwaffen und Werkzeuge, wie T vermutete. Das Gesicht war halb organisch, halb mechanisch, mit rot leuchtenden Implantaten an den Stellen, an denen Augen hätten sein sollen. m3ch4n1c4!_7urk salutierte vor T, wobei ein höhnisches Grinsen auf seinen Lippen lag. „Was für ein Arsch“, dachte T.

Einen Moment später landete ein weiterer Raumjäger — Typ Special-Ops Hyperraum-Killer mit experimenteller Bewaffnung — in der Landebucht der Station. Heraus trat eine Frau mittleren Alters, die allein schon durch ihre Körperhaltung, durchtrainierte Statur und harte Mimik als Militär mit Führungsverantwortung erkennbar war. Ihre mittellangen schwarzen Haare waren streng zu einem Zopf gebunden, hohe Wangenknochen und dunkle, ja fast schon schwarze Augen stachen aus ihrem Gesicht hervor.

„Ah, Frischlinge!“, begann sie ihre Begrüßung. „Ihr wollt also Teil der Goldenen Phalanx werden?! Willkommen auf dieser gottverlassenen Station im Nirgendwo. Ich bin Commander Takahashi. Für euch bin ich allerdings nur ‚Ja, Sir!’ und ‚Wird erledigt, Sir!’. Wie ihr sicher schon bemerkt habt, mangelt es dem Ort an Unterhaltung und sonstigen Annehmlichkeiten. Die einzige Musik, die man hier zu hören bekommt, sind die Sirenen der Luftschleusen und das Zischen undichter Hydraulik- und Sauerstoffleitungen dieser schon weit über ihre Lebenszeit betriebenen Station.”

Sie ging mit solidem Schritt und hinter dem Rücken verschränkten Armen die Reihe der Kandidaten auf und ab und musterte jeden Einzelnen mit starren Augen und ohne den Anflug irgendwelcher Emotionen.

„Wir haben genau einen neuen Platz in unseren Reihen frei“, fuhr sie mit klarer Stimme fort. „Das heißt, nur einer von euch wird die Chance erhalten, unseren Einheiten beizutreten und für den Ruhm und die Ehre der Goldenen Phalanx zu kämpfen. Wer das sein wird, entscheidet ihr — in einem Auswahlverfahren aus drei Prüfungen, dessen erste hier und jetzt beginnen wird.“

Commander Takahashi blieb vor der gesamten Gruppe stehen und schaute in die Runde. „Die erste Prüfung testet eure Fähigkeiten im Fern- und Nahkampf, zu Fuß und auf euch allein gestellt. Ihr werdet in einem abgesperrten Bereich hier auf der Station im Deathmatch gegeneinander antreten. Ich und eine Reihe weiterer erfahrener Kämpfer der Goldenen Phalanx werden als Juroren den gesamten Kampfverlauf und euer Handeln beobachten und bewerten. Es kommt also nicht nur darauf an, dass ihr der oder die letzte Überlebende seid, sondern auch darauf, mit welchem Geschick und welcher Raffinesse ihr eure Kontrahenten ausschaltet. Jedem Kämpfer sind eine Fernkampf- und eine Nahkampfwaffe sowie zwei Spezialwerkzeuge gestattet — zum Beispiel Punkt-zu-Punkt-Teleporter, Schildgeneratoren oder Sprengfallen.“

Takahashi schaute jedem Einzelnen noch einmal in die Augen. „Ach, eines noch: Um das ganze Prozedere zeitlich einzugrenzen, ist die Arena im Sudden-Death-Modus konfiguriert. Das bedeutet, der Kampfbereich wird unter Verwendung eines sphärischen Scrubber-Feldes in zufälligen Abständen schrumpfen, bis er irgendwann in sich zusammenfällt. Das Feld nutzen wir sonst, um grobe Verschmutzungen in den Landebuchten zu entfernen. Es tötet bei Berührung und durchdringt jede Panzerung und jedes Schutzschild. Es wäre also höchst töricht, sich einfach einzuigeln und auf den Feind zu warten. Einzig ein Warnton drei Sekunden vor der nächsten Kontraktion wird euch auffordern, die Beine in die Hand zu nehmen.“ Sie machte eine Kunstpause. „Seid ihr bereit?“

„Ja, Sir!“, riefen alle Anwesenden im Chor — T eine halbe Silbe hinter den anderen, denn in seinem Kopf hakte etwas. Ein Platz? Ju-Res Nachricht hatte von drei Frischlingen gesprochen. Entweder hatte sich die Lage kurzfristig geändert, oder einer von beiden log. T beschloss, dass dies keine Frage für Leute war, die „Ja, Sir!” zu rufen hatten, und merkte sie sich für später.

„Also gut“, fuhr Takahashi fort. „Ihr werdet euch nun auf den Kampf vorbereiten, eure Waffen wählen und eure Strategie überdenken können. Sobald ihr bereit seid, tretet einfach durch die Tür in die Arena. Gute Jagd!“

Kurz darauf sah T ein anschwellendes Schimmern sowohl um seinen Charakter als auch um die Avatare der anderen Mitspieler aufsteigen, das wohl eine bevorstehende Teleportation anzeigen sollte. Kurz bevor es schwarz wurde, sah er durch das Schimmern hindurch Takahashis Mundwinkel zu einem Lächeln ansetzen. „Ist halt auch für solche Spielerprofis schwer, dauerhaft in Character zu bleiben“, dachte T zufrieden.

Ts Charakter materialisierte in einem kleinen Raum ohne Fenster und mit nur einer Tür. Kaltes Neonlicht erhellte das mattgraue Metall um ihn herum. An den Wänden war Ausrüstung aller Art in Ständern aufgereiht: Von Kurz- über Langwaffen, Minen, Bewegungsmeldern, tragbaren Schutzschildgeneratoren und dergleichen war alles mit dabei. T ließ Y18R ein Plasmagewehr mit Laserzielfernrohr aufheben. Im Regal daneben lag eine Art Pistole — ungefähr die Größe einer Desert Eagle — mit zwei auffällig grün-blau leuchtenden Tanks an der linken und rechten Seite anstelle eines Magazins. „Mini-Flammenwerfer — nice“, dachte T und griff sich auch diesen. In einem offenen Schrank gegenüber wählte er noch eine Haftmine mit Tarnfunktion sowie eine tragbare Schildbarriere aus und trat durch die Tür in die Arena.

T fand sich in einem engen Gang wieder, der ähnlich fahl beleuchtet war wie der Vorbereitungsraum. Die Wände und Decken waren bedeckt mit frei hängenden Kabeln und rostigen Rohren. In unregelmäßigen Abständen quollen Rauchschwaden aus Rissen in Rohren und aus Spalten des bereits durchgerosteten Bodens. Teilweise bestand der Boden nur aus Gittern über weiteren Rohren und Kabeln, und grüne und blaue Kontrollleuchten tauchten die gesamte Umgebung in gespenstisches Licht. Direkt nachdem T durch die Tür getreten war, verschloss sich diese mit einem lauten Zischen.

Mit dem Gewehr im Anschlag bewegte er Y18R taktisch schleichend an der Wand entlang zur nächsten Biegung. Sein Sichtfeld war durch die gezogene Waffe in der 1st-Person-Ansicht eingeschränkt, aber dadurch erhöhte sich seine Konzentration auf Bewegungen im Schussfeld — bildete er sich jedenfalls ein. Nach mehreren Biegungen wollte er schon vom Schleichmodus in einen schnelleren Schritt wechseln, da vernahm er Kampfgeräusche, ein oder zwei Biegungen weiter. Während er sich näherte, blitzten Spuren von Waffenfeuer durch den Rauch.

Als er um eine weitere Biegung schielte, die Waffe weiterhin im Anschlag, erblickte er den Turk. Dieser war gerade dabei, HellFire93 den Rest zu geben. Seine linke Hand hatte sich in eine zweigliedrige Zange verwandelt, die HellFires Kopf an der Wand neben einer Wartungsluke fixierte. HellFires Beine berührten den Boden nicht mehr. Vielmehr hing er einen halben Meter in der Luft.

Die rechte Hand des Turk hatte sich in eine Kombination aus zwei um die Achse des Arms rotierenden langen Messern sowie einer mittig positionierten Kreissäge verwandelt. Er ließ Messer und Säge aufheulen und begann, HellFire93 vom Bauchnabel aus bis durch den Schädel durchzuschneiden. Im Nu verteilten sich Blut und Innereien auf dem Boden und allen umliegenden Wänden. T konnte nicht sagen, wer lauter schrie — dieser unsäglich grausam anmutende Stumpf aus rotierenden Messern und Säge, oder HellFire93.

„Ultra brutal realistisch“, murmelte T, mit einem leicht mulmigen Gefühl im Magen. Wie als wenn die Brutalities aus Mortal Kombat und die Ragdoll-Engine aus Soldier of Fortune ein Kind hätten. Er erkannte seine Chance und begann sofort, mit kontrollierten Feuerstößen aus seinem Plasmagewehr auf den Turk zu schießen.

Der Turk bemerkte ihn natürlich sofort. Sein Kopf zuckte in Richtung von Ts Avatar, und die rot leuchtenden Implantate fixierten Y18R — zusammen mit dem höhnisch verzogenen Mund, mit dem er T schon bei der Ankunft in der Landebucht bedacht hatte. Die Feuerstöße aus dem Plasmagewehr zeigten etwas Wirkung, aber nicht genug. Die massive Panzerung schluckte Energiewaffen offenbar besonders effizient.

Der Turk richtete den Arm mit der Kreissägen-Klingen-Kombination auf Y18R und stürmte mit einem ohrenbetäubenden Schrei heran. „Wie in Screamers“, dachte T. „Nettes Zitat.“ Dauerfeuer. Kaum Wirkung. Noch acht Meter.

T entschied, die Sache anders anzugehen: Er ließ Y18R die tragbare Schildbarriere in die Richtung werfen, aus der der Turk angestürmt kam, und aktivierte das nun schräg auf dem Boden liegende Gerät, kurz bevor der Turk es erreichte. Die Barriere baute sich instantan auf und blockierte den Weg. Der Turk konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und rasselte in vollem Galopp dagegen. Das Feld knisterte und zeigte seine Belastung durch ein visuelles Feuerwerk an Blitzen und Entladungen. Sofort begann der Turk, die Barriere mit der Kreissägen-Klingen-Kombination zu bearbeiten — während er Ts Avatar weiterhin mit seinen „Augen“ und dem mittlerweile eingefrorenen Lachen fixierte.

In diesem Augenblick ertönte der Alarmton. Kontraktion.

Wenige Sekunden später raste das grünlich schimmernde Scrubber-Feld von hinten auf T zu. All der Dreck und sonstige Unrat, den T auf dem Weg hierher in den Gängen gesehen hatte, wurde augenblicklich in Luft aufgelöst, sobald das Feld darüberstrich. Zurück blieb ein sauber geleckter Gang. „Scheiße, hier komme ich nicht wieder raus“, dachte T. Hinter ihm das Scrubber-Feld, das er keinesfalls berühren durfte. Vor ihm die schräg den Gang sperrende tragbare Schildbarriere, die er selbst platziert hatte — und die langsam immer schwächer wurde, je länger der Turk sie mit seinen Waffen bearbeitete.

Kurz bevor sie von sich aus zusammenbrach, deaktivierte T die Barriere und ließ Y18R den Mini-Flammenwerfer ziehen. Der Turk, nicht ahnend, dass die Barriere jetzt schon zusammenbrechen würde, stolperte einige Schritte vorwärts auf Ts Avatar zu — direkt in den Feuerstoß. Die Flammen hüllten ihn sofort ein und ließen seine Sensoren verrücktspielen. Für den Zeitraum des Beschusses war der Turk blind.

T nutzte diese Zeit, um an ihm vorbeizulaufen und wenige Meter weiter an der Wand eine Mine auf Kopfhöhe seines Kontrahenten anzubringen. Die Mine tarnte sich sofort. Nun eröffnete T abermals das Feuer mit dem Plasmagewehr, während er sich zügig, aber nicht hektisch rückwärts entfernte.

Der Turk drehte sich zu ihm um und rannte abermals, den Waffenarm auf ihn gerichtet, auf ihn zu. Er kam allerdings nur einige Schritte weit — bis die Haftmine genau auf Höhe seines Kopfes auslöste. Eine Mischung aus Metall, Drähten und Blut-Hirn-Masse zerplatzte vor Ts Augen und verteilte sich in der Umgebung. Der Rest des Turk legte sich der Länge nach hin, zuckte noch ein wenig und blieb dann liegen.

Künstlicher Applaus, den wahrscheinlich nur er hörte, wurde eingespielt, samt der Verkündung seines Sieges über m3ch4n1c4!_7urk. „Yesss, mein erster Frag in dem Game“, dachte T. Mit HellFire93 und dem Turk aus dem Spiel blieben neben ihm nur noch NotYourVader und WhiteWidow übrig.

In Berlin war es 23:12 Uhr. Ts Hand klebte an der Maus, sein Rücken tat weh, und im Flur waren vorhin Schritte gewesen, die vor seiner Tür kurz langsamer geworden und dann weitergegangen waren. Auf dem Bildschirm tropfte etwas von der Decke des Gangs, den das Scrubber-Feld knapp verfehlt hatte — etwas, das vor einer Minute noch HellFire93 gewesen war. Das mulmige Gefühl in Ts Magen war noch da. Er beschloss, es als Immersion zu verbuchen.

„Ihr erster Toter“, sagte der Mann im schwarzen Anzug.

„Es war ein Spiel.“

„Das“, sagte der Mann, „habe ich nicht gefragt.“

T lud durch.

Der Weg zurück führte an der Stelle vorbei, an der HellFire93 gestorben war. Die jüngste Kontraktion hatte das Scrubber-Feld einmal quer durch den Gang gezogen. Kein Rost mehr, kein Schutt, keine Rauchschwaden — der Gang war steril wie ein Ausstellungsstück.

Bis auf die Lache.

Sie war noch da. Sie war nicht einmal angetrocknet. Von der Decke, von der das Feld jedes lose Kabel wegrasiert hatte, löste sich ein Tropfen und fiel hinein, und dann noch einer, im Takt einer Uhr, die niemand aufgezogen hatte. T stand davor und spürte, wie das mulmige Gefühl in seinem Magen die Abteilung wechselte. Das Feld löschte alles, hatte Takahashi gesagt. Dreck, Schutt, Panzerung, Spieler. Offenbar galt das nicht für alle Objekte im Spiel. „Warum“, dachte T, „flaggt jemand das Blut von Leichen als persistent?“

Der Warnton ersparte ihm die Antwort. Drei Sekunden. T rannte zum nächsten Schott. Das Feld stoppte nur wenige Meter hinter ihm.

Als Y18R die Verladehalle hinter dem Schott betrat, in die das schrumpfende Feld die Reste der Arena komprimiert hatte, stand der Riese einfach da, halb hinter einem Container, das goldene Visier auf ihn gerichtet, als hätte er dort seit Spielbeginn gewartet.

Dann bewegte NotYourVader sich, und es war falsch.

T hätte zunächst nicht sagen können, was genau falsch daran war; erst nach dem zweiten Ausweichen begriff er es. Vader bereitete seine Spielzüge nicht vor. Kein unnötiges Waffendurchtauschen, kein Ansetzen, keine dieser tausend winzigen Korrekturen, die jeder Mensch macht, weil kein Mensch beim ersten Versuch die richtige Bewegungsrichtung trifft. Vader traf immer die richtige Bewegung. Er bewegte sich, wie sich Dinge in Replays bewegen, aus denen man die Zwischenschritte herausgeschnitten oder mit einer Bézierkurve geglättet hat.

T tat, was er mit jedem menschlichen Gegner getan hätte: den Köder-Peek. Zweimal kurz Kopf und Schulter an derselben Containerkante zeigen, zurückziehen und beim dritten Mal geduckt auf der anderen Seite herauskommen. Darauf fiel fast jeder herein, weil jeder Mensch aus zwei Malen ein Muster machte und die Mündung längst auf die Stelle hielt, an der man nicht mehr war. Vaders Fadenkreuz zeigte hingegen auf die andere Seite. Die richtige. Als hätte er die ersten beiden Male gar nicht erst mitgezählt. Und das Sperrfeuer aus dem Flechette-Gewehr, welches in NotYourVaders Arm eingelassen gewesen sein musste, traf Y18R hart.

„Okay, ich muss umdenken“, dachte T. Seine 250 APM mussten für irgendwas gut sein: Also begann er, in schneller Abfolge Unsinn zu spielen. Bewegungen ohne Muster, Stopps ohne Grund, ein Feuerstoß ins Nichts, zwei Schritte rückwärts mitten im Vorwärtslaufen — Eingaben, die kein Gegner der Welt je gesehen haben konnte, weil kein vernünftiger Spieler sie jemals machen würde.

Vader stockte.

Es war winzig, ein Ruckeln, als würde eine Animation neu ansetzen. Aber es war da. „Hallo“, dachte T, und ihm wurde kalt. „Du bist gar kein menschlicher Spieler.“

In diesem Moment eröffnete WhiteWidow das Feuer.

Sie stand am anderen Ende der Halle, das weiße Gewand im grünen Kontrolllicht, und kein einziger ihrer Schüsse galt T. Sie schoss auf Vader, ruhig, rhythmisch, präzise, und trieb ihn Schritt für Schritt rückwärts — und T begriff, dass sie dasselbe gesehen haben musste wie er.

Der Warnton kam, als hätte jemand Regie geführt. Das Feld fraß sich von der Rückwand herein, und Vader stand zwischen ihnen und der Wand. T führte ein letztes Mal seinen Random Dance auf; Vader stockte, eine Zehntelsekunde, und WhiteWidows Salve schob ihn die letzten zwei Schritte in die richtige Richtung. Dann strich das grüne Feld über ihn.

Kein Schrei beim Drüberstreichen. Kein Ragdoll. Keine der ultra-brutalen Animationen, mit denen dieses Spiel sonst so verschwenderisch umging. Da, wo NotYourVader gewesen war, war einfach wieder Halle. Kein Applaus wurde eingespielt, keine Verkündung, nichts. Das Spiel feierte sonst jeden Kill, aber diesen schien es nicht zu zählen.

WhiteWidow ließ die Waffe einen Moment gesenkt. Über die halbe Halle hinweg sahen sie einander an, und für eine Sekunde lag zwischen ihnen so etwas wie ein Einverständnis, das keiner von beiden aussprechen würde.

Dann hob sie die Waffe, und das Deathmatch folgte wieder den gewohnten Regeln.

Die letzte Kontraktion hatte sie in eine Kammer gedrängt, kaum größer als der Vorbereitungsraum. T arbeitete mit dem, was er hatte: Plasmafeuer aus der Deckung einer Trägerstrebe, kurze Positionswechsel, und im Hinterkopf schon der Winkel für den Flammenwerfer-Trick, der beim Turk funktioniert hatte. Sie wich aus, wie sie an der Schleusentür gelehnt hatte, ökonomisch, ohne Eile, als wäre das alles eine Frage des Stils.

Dann sah er das Schimmern.

Er kannte es aus der Landebucht — das anschwellende Glitzern einer Teleportation, nur kleiner diesmal, kompakter. „Zum Beispiel Punkt-zu-Punkt-Teleporter“, hatte Takahashi gesagt. „Beispiele“, dachte T noch, „sind nie Beispiele“ — dann zog sich hinter ihm die Luft zusammen.

Der Stich kam ohne jede Grausamkeit. Eine schmale Klinge, kaum länger als ein Finger und so matt, dass sie das fahle Licht nicht reflektierte, sondern schluckte, fand die Naht zwischen zwei Panzerplatten, als wäre sie dafür vermessen worden. Ein Skalpell, begriff T, während sein HUD weiß aufblitzte und die Vitalanzeige in einem einzigen sauberen Schnitt auf null ging. Nach allem, was er an diesem Abend gesehen hatte, war es der sauberste Tod im ganzen Match.

Es war seiner.

„Danke für den Assist“, sagte WhiteWidow irgendwo hinter ihm, beiläufig, beinahe freundlich. Dann wurde es schwarz.

Der Respawn setzte ihn in der Landebucht vor der Hauptschleuse ab, wo alles angefangen hatte. Die anderen waren schon da: HellFire93 sah aus, als hätte jemand die Sättigung seines Gesichts um dreißig Prozent heruntergedreht, und selbst der Turk salutierte diesmal vor niemandem. WhiteWidow lehnte an der Schleusentür. Natürlich tat sie das.

„Die Siegerin der ersten Prüfung: WhiteWidow“, verkündete Commander Takahashi ohne Umschweife. „Sauberste Zielerfassung, ökonomischster Werkzeugeinsatz, beste Endphase.“ Eine Rangliste klappte in Ts Sichtfeld auf: WhiteWidow, 94 Punkte. Y18R, 87. m3ch4n1c4!_7urk, 61. HellFire93, 12. „Y18R, Platz zwei. Die Juroren würdigen die Zweckentfremdung der Schildbarriere und den Umgang mit dem Feld.“

Der Turk gab ein Geräusch von sich, das eine Beschwerde hätte werden können. Takahashi schnitt es mit einem Blick ab. „Und bevor einer von euch anfängt zu rechnen: Ausgeschieden ist niemand. Die Phalanx entscheidet nicht nach einer einzigen Schlacht. Die Punkte aller drei Prüfungen werden addiert — wer nach der dritten oben steht, bekommt den Platz.“ Sie ließ die Augen über die Reihe wandern. „Zwei Prüfungen verbleiben.“

„Eine Rangliste“, dachte T und spürte, wie die Anspannung aus seinen Schultern wich. Er hatte verloren, aber er hatte nichts verloren: 87 Punkte, sieben hinter der Spitze. Das ist aufholbar.

Takahashi war noch nicht fertig. „Die zweite Prüfung beginnt in vierundzwanzig Stunden. Kein Deathmatch. Ihr geht gemeinsam runter auf die Oberfläche: Mine #0007 hat vor drei Tagen aufgehört, Fördermeldungen zu senden, und die Phalanx will wissen, warum. Ihr operiert als eine Einheit, ein gemeinsames Ziel. Und die Juroren werden diesmal nicht würdigen, wer glänzt, sondern wer die anderen glänzen lässt.“ Ihr Blick blieb einen Moment länger auf dem Turk hängen, als der Zufall erlaubt hätte. „Wegtreten.“

Hinter dem Kraftfeld der Landebucht hing Plyot im fahlen Licht von Caerulus, eine Kugel aus Sand und Staub. Größtenteils autonom arbeitende Minen, hatte es in der Beschreibung geheißen. Was wir neben Maschinen wohl noch vorfinden werden?

Ein Team also. Mit dem Mann, der HellFire93 vom Bauchnabel aufwärts halbiert hatte, mit HellFire93 selbst — vermutlich ein Klotz am Bein, den man mitschleifen musste — und mit der Frau, deren Skalpell gerade erst die Naht in seiner Panzerung gefunden hatte. T beschloss, die Ironie als Teambuilding zu verbuchen. Aber der Gedanke an NotYourVader ließ ihm keine Ruhe.

„Sir. Eine Frage, Sir.“ T hörte sich schon die Worte sagen, bevor er wirklich beschlossen hatte, sie auszusprechen.

„Ja.“ Takahashi nickte knapp.

„NotYourVader, Sir. Welchen Rang hat er belegt?“

„Wer?“

Die Antwort kam sofort. Zu schnell. Menschen, die einen Namen nicht kennen, zögern, suchen, runzeln die Stirn — Takahashis „Wer?“ kam wie aus einem Cache. Und die Rangliste hing noch immer im Raum, vier Namen, kein fünfter, als hätte in dieser Landebucht nie ein zweieinhalb Meter großer Riese mit goldenem Visier gestanden.

T sah zu WhiteWidow. Sie hatte neben ihm gegen das Ding gekämpft; sie hatte gesehen, wie das Feld es nahm, ohne dass das Spiel dies gewürdigt hatte. Sie hielt seinem Blick stand, sagte nichts — und zwinkerte. Es war dasselbe Zwinkern wie bei der Ankunft, aber es bedeutete nicht mehr dasselbe.

T legte die Frage zu den anderen, die er sich an diesem Abend gemerkt hatte. Der Stapel wuchs. „Keine weitere Frage, Sir.“

In Berlin war es 23:47 Uhr. T nahm das Headset ab und suchte im Netz nach NotYourVader. Kein Profil, kein Forenpost, keine Clan-Seite. Null Treffer. Jeder Spielername hinterließ Spuren. Dieser hatte keine, als wäre er nie von jemandem getippt worden.

Im Flur war es still. Die Stille war schlimmer als die Schritte. Das mulmige Gefühl in Ts Magen war noch da, aber es hatte aufgehört, sich wie Immersion anzufühlen.

„Der fünfte Kämpfer“, sagte der Mann im schwarzen Anzug. „Beschreiben Sie ihn.“

„Groß. Still. Schnell. Etwas kopflos.“ T zuckte mit den Schultern, so weit die Fesseln es zuließen. „Ein Bug, ein NPC in einem Level, in dem er nicht hätte sein sollen.“

„Ein… Bug.“ Der Mann wiederholte das Wort, als lege er es auf eine Waage. „Sie haben an diesem Abend zum ersten Mal erkannt, dass es in diesem Spiel Elemente gibt, die sich augenscheinlich nicht an die Spielregeln halten. Und dann haben Sie beschlossen, diese Unterscheidung nicht weiter zu untersuchen?“

„Ich habe gefragt.“

„Einmal.“ Der Mann beugte sich vor. „Sie haben einmal gefragt, eine Antwort bekommen, die keine war, und die Sache zu den Dingen gelegt, die Sie sich für später aufheben.“

T sagte nichts.

Der Mann ließ die Stille eine Weile arbeiten, wie eine Säge, die man nicht weglegt, solange sie noch ausdreht. Dann richtete er sich auf.

„Erzählen Sie mir von der Mine.“