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Blick aus dem dunklen Inneren eines zerstörten Raumschiffs durch einen aufgerissenen achteckigen Durchbruch hinaus auf einen wartenden Jäger vor schwarzem Sternenhimmel — der Gegner, der Y18R im Fadenkreuz hält
KAPITEL 00011₂

Init

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Das Spiel, so wusste T, würde ihn in einem Gleiter der Arcos-Klasse zufällig im Weltraum platzieren. Zufällig musste dabei wörtlich genommen werden: In diversen Foren berichteten Neulinge, wie sie inmitten einer Sonne, in einem Asteroidenschwarm oder direkt am Ereignishorizont eines sich öffnenden Wurmlochs ausgesetzt worden waren — mit entsprechend fatalen Folgen für Gleiter, Spielfigur und die Laune ihrer Besitzer. Und wer starb, wartete zehn Minuten auf den Wiedereintritt. Die Entwickler nannten das Respawn-Hygiene. Die Foren nannten es anders.

T hatte mehr Glück: Y18R wurde inmitten eines laufenden Raumgefechts zweier verfeindeter MegaCorp-Flotten ausgesetzt, in der Nähe eines blau schimmernden Planeten. Der Anblick der riesigen, ineinander verkeilten Verbände aus Zerstörern, Support-Fregatten und Jägern war beeindruckend und beängstigend zugleich. Ob das Blau des Planeten von Ozeanen kam oder von einer Helium-Atmosphäre, konnte T nicht feststellen, denn seine erste Amtshandlung als frisch gebackener Kapitän bestand darin, herannahenden Torpedos auszuweichen, die seinen Gleiter im Moment der Materialisierung aufgeschaltet hatten. Glücklicherweise hatte er alle Shortcuts längst auswendig gelernt: Täuschkörper ausstoßen. Notsprung in den Hyperraum initiieren. Beten — eher so ein Layer-8-Shortcut.

Weit kam er nicht. Eine der Kriegsparteien hatte taktische Raumzeit-Verzerrer im System platziert und diese mit Traktor-Strahlen-Fallen umgeben. Y18Rs Gleiter wurde schon nach wenigen Sekundenbruchteilen grob aus dem Hyperraum gerissen und eingefangen. Die abrupte negative Beschleunigung riss eine der Antriebsgondeln in einem — für diese Zeit genial abgefackelten — Feuerwerk an CGI-Effekten vom Rumpf, und auch Y18R bekam sein Teil ab: Ts Alter Ego spuckte Blut, seine Gliedmaßen waren auf unnatürliche Weise verdreht. Aus dem Off teilte eine Computerstimme mit, was T ohnehin ahnte: Der Gleiter war manövrierunfähig, die Lebenszeichen von Y18R strebten gegen die Nulllinie. Dann plötzlich der Annäherungsalarm. Ein Raumjäger, eindeutig besser ausgerüstet als Ts kleines Anfängerschiffchen, schob sich in Y18Rs und damit in Ts Sichtfeld. Die noch aktiven Scanner meldeten, dass die Bordgeschütze des unbekannten Schiffs seinen Gleiter aufgeschaltet hatten. T überlegte schon, was er die nächsten Minuten Zwangspause tun sollte, als… nichts geschah. Beide Raumschiffe schwebten eine gefühlte Ewigkeit in gleichbleibender Distanz dahin.

„T! Essen!“ Die Stimme seiner Mutter durch die Zimmertür, gedämpft, aber mit dem Nachdruck einer Frau, die Schulklassen bändigte.

T starrte auf den fremden Jäger, der ihn im Fadenkreuz hatte, und auf die Lebenszeichen seines sterbenden Söldners. „Fünf Minuten!“, rief er. „Ich bin mitten im Game!”

„Es ist dein Geburtstagsessen!“

„Deswegen ja!“ Das ergab keinen Sinn, aber es erkaufte ihm Zeit. Unten klapperte vorwurfsvoll Geschirr. T setzte das Headset wieder richtig auf — und in diesem Moment kam ein InGame-Voice-Chat-Anruf herein.

„Hey Y18R, dein Schiffchen sieht ganz schön mitgenommen aus“, begrüßte ihn der Pilot des Jägers. „Ich könnte dich jetzt aus dem Weltall pusten, aber das wäre ziemliches n00b bashing. Was hältst du davon, wenn wir uns stattdessen gepflegt unterhalten? Aber bitte in Character bleiben, sonst muss ich das hier kurzfristig beenden.“

Der Pilot feuerte eine Breitseite direkt an Y18Rs Pilotengondel vorbei. Das grelle rot-weiße Licht erhellte das Innere des Gleiters und brach sich auf Y18Rs metallischer Kutte. „Wirklich geniale Effekte“, dachte T. Nennenswerte Rollenspiel-Erfahrung besaß er allerdings nicht. Er kam von kompetitiven Shootern und Strategiespielen, wo Reflexe zählten und Micromanagement. 250 eAPM — effektive Aktionen pro Minute — waren für T kein Problem. Aber konsistent bei einer Geschichte bleiben?

„Ich bin übrigens Ju-Re und fliege für die Goldene Phalanx“, führte sein Gegenüber das Gespräch fort. „Du bist in einer meiner Traktor-Fallen gelandet. Ganz schöner Frischlings-Fehler, aus einem umkämpften System über einen der Stern-Planet-Lagrange-Punkte zu flüchten. Wo hast du deine Pilotenausbildung absolviert?“

T antwortete: „Äh, ich habe mir einige Videos in Fan-Foren angeseh—“, doch weiter kam er nicht. Ju-Re feuerte mit einem seiner Geschütze direkt in die zweite Antriebsgondel. Funken sprühten, Verkleidungsteile lösten sich in Dampf auf, und neue Alarmsignale kündigten an, dass der Reaktor kurz vor einer Kernschmelze stand.

„IN CHARACTER, wenn ich bitten darf!“, wies Ju-Re ihn zurecht.

T versuchte es noch einmal. „Auf Kitara 55, falls dir das was sagt. War nicht gerade die hochkarätigste Flugschule, aber nach meinem Austritt beziehungsweise meiner Flucht vor FOREVER konnte ich mir erst einmal nichts anderes leisten.“ Nach dieser ersten, kreativ dahingestolperten Antwort sah sich T bereits als Meister-Geschichtenerzähler auf der nächsten Equilibrium-Convention auftreten.

„Ah“, sagte Ju-Re. „Ist das nicht im Solomon-System?“

T fühlte sich ertappt. Seine Geschichte mit historischem Wissen aus der Spielwelt zu unterfüttern — daran hatte er nicht eine Sekunde gedacht. Während er ein gedehntes „Jaaa, genau“ in das Mikrofon schob, öffnete er auf dem zweiten Monitor das an das Spiel angeschlossene Wiki und hämmerte Solomon in die Suche. Treffer! Es gab das System. Es war nur leider vor einigen hundert Erdenjahren zerstört worden. Das Zentralgestirn verwandelte sich spontan zur Nova. Die Ursache wurde nie geklärt. Man munkelte, der Einsatz einer Nova-Bombe durch Terroristen wurde nie ausgeschlossen.

„Der Stern des Systems wurde zur Nova, wenn ich mich recht erinnere“, sagte Ju-Re beiläufig. „Warst du da noch in der Gegend?“

„Äh — nein. Ein Glück habe ich meine Ausbildung beendet, bevor der Stern zur Nova wurde.“ Ts Augen flogen über den Wiki-Artikel, während er sprach. Die Zeitleiste. Er brauchte die Zeitleiste. „Danach bin ich… geflogen. Beruflich.“

„Für wen?“

„Für die Fists of Progress.“ Der Name stand im Artikel im drittletzten Absatz. Eine Söldner-Staffel mit Verbindung zur Flugschule. T las schneller, als er redete, und redete zu schnell. „Eine an die Flugschule angeschlossene Einheit. Wir flogen Missionen für die Regierung auf Solo-Prime. Oder jedenfalls wurde uns das so erzählt. Für mich war es der einfachste Weg, meine Schulden bei der Flugschule abzutragen — dachte ich jedenfalls.“

„Klingt nach einem Aber.“

„Das Aber war eine ‚Warenrückführung zur Verzollung’, die keine war. Solomon-Sicherheitskräfte, Festnahme, Schnellprozess.“ T hatte jetzt Schweiß auf der Stirn und den Wiki-Artikel über das Strafsystem von Solomon in einem dritten Tab. „Mehrere hundert Erdenjahre Kryostase, auf einem Gefängnis-Asteroiden im äußeren Gürtel.“

„Und dann?“, fragte Ju-Re. In seiner Stimme lag jetzt etwas, das T nicht zuordnen konnte. Belustigung vielleicht. Oder Co-Verifikation mit einem eigenen Wiki-Tab?

„Dann ging der Stern hoch. Die Station wurde beschädigt, der Stationscomputer hat alle Cryo-Zellen notgeöffnet. Ich habe mir das nächstbeste Schiff im Hangar geschnappt und bin aus den Überresten des Systems geflohen. Weit kam ich leider nicht — nach meiner abermaligen Festnahme wurde ich für die restliche Zeit meiner Haftstrafe wieder eingefroren. Seitdem arbeite ich als Söldner für den Meistbietenden.“

„Das klingt schon plausibler“, kommentierte Ju-Re die schnell zusammengesponnene Geschichte. „Die Meistbietenden scheinen allerdings nicht sonderlich viel zu bieten, wenn ich mir deinen Blechhaufen von Schiff so ansehe.“ T war langsam genervt. „Was daran liegen könnte, dass ich dem Spiel vor vierzig Minuten beigetreten bin, du Vogel“, lag ihm auf der Zunge. Er beließ es bei einem würdevollen Söldner-Schweigen.

„Möchtest du weiter solo unterwegs sein, oder hast du vielleicht Interesse, an einer Sache zu arbeiten, die größer ist als du selbst?“, fragte Ju-Re. „Du könntest unserem Konzern als Trainee beitreten und wärst dadurch viel früher in der Lage, die wirklich großen Schiffe und Waffen auszuprobieren — ganz zu schweigen von all den Strategie-Features, Basisbau, Missionsplanung und -führung und so weiter.”

T wollte gerade antworten, als der Reaktorkern seines Schiffs spontan zur Mini-Nova wurde und dabei sowohl den Gleiter als auch Y18R in seine Kernbausteine zerlegte. „Scheiße!“, schrie T auf. Dann: die inzwischen vertrauten zehn Minuten. Als er die Spielwelt wieder betrat — diesmal in einem leeren Teil des Weltraums, aber immerhin mit intaktem Schiff und einem unverletzten Y18R —, wartete eine Intercom-Nachricht von Ju-Re auf ihn: „Mein Angebot steht. Wenn du Interesse hast, melde dich bei mir bis morgen 18 Uhr. Ich nenne dir dann die Koordinaten für das Aufnahmeritual.”

Ju-Res Angebot ging T den ganzen nächsten Tag nicht aus dem Kopf. Er saß brav seine sechs Stunden Schule ab, aber geistig anwesend war er dabei nicht. Bis jetzt war er in Spielen Einzelkämpfer gewesen — es entsprach ja auch eher seiner Natur in der echten Welt —, aber gemeinsam an etwas Großem mitwirken, irgendwann Streitkräfte wie die von gestern selbst kommandieren? Schon ein cooler Gedanke! Und, ehrlich gesagt: Der Role-Play-Ansatz hatte ihm mehr Spaß gemacht, als er zugeben wollte. Am Nachmittag schrieb er hastig die Hausaufgaben zusammen, denn kontrollierende Eltern konnte er heute wirklich nicht gebrauchen. Danach öffnete er diverse auf Equilibrium spezialisierte Foren und Wikis. Der oberste Thread im Rekrutierungsforum trug den Titel: „Phalanx-Aufnahmeritual überlebt, AMA — Frage NICHT nach dem Gong.“

Die Goldene Phalanx war eine MegaCorp im wahrsten Sinne des Wortes: mehrere tausend Mitglieder, gleich ein Dutzend Sternensysteme samt Ressourcen im Besitz. Dazu eine atemberaubend animierte Web-Präsenz mit eigenem Wiki, eigenen Werkzeugen für die Firmen-Führung, professionell anmutenden Social-Media-Profilen und Rekrutierungsvideos in mehreren Sprachen. Auch schien sie gute Drähte zu diversen News-Portalen zu unterhalten und war so in der Lage, Werbung für sich und ihre Vorhaben zu machen. T stutzte einen Moment: Rekrutierungsvideos in sechs Sprachen, Presse-Kontakte, ein eigener Redaktionsplan — für eine Spielergilde? Wer bezahlte so etwas, und wofür? Dann scrollte er weiter, und der Gedanke verschwand so schnell, wie er gekommen war.

„Sie haben es bemerkt“, sagte der Mann im schwarzen Anzug.

„Ich war fünfzehn.“

„Sie haben es bemerkt“, wiederholte der Mann, „und sind trotzdem hingeflogen.“ Es war keine Frage, also beantwortete T es nicht.

„Weiter.“

T antwortete Ju-Re, welcher ihm daraufhin die Koordinaten einer Raumstation am Rande des von der Goldenen Phalanx kontrollierten Raumabschnitts sendete. „Sei pünktlich“, ermahnte ihn Ju-Re in seiner Nachricht. „Mit dir bewerben sich heute noch vier andere Spieler für die Trainee-Stelle. Wir haben momentan aber nur Platz für drei Frischlinge! Ausrüstung brauchst du keine mitzubringen — für das Ritual werden dir alle Waffen, Fahrzeuge und Zugänge zu taktischen Tools gestellt. Und… die Geschichte rund um deine Flucht vor FOREVER musst du mir bei Gelegenheit nochmal im Detail erzählen. Ich habe Gerüchte über gruselig perverse Rituale gehört.“

T dämmerte, dass es wohl keine rein zeremonielle Veranstaltung werden würde, sondern eher ein Assessment-Center mit scharfen Waffen und begrenztem Spielraum für Fehler!